Beachvolleyball zählt nicht zuletzt durch die EM-, WM- und Olympia-Medaillengewinne zu den Trendsportarten Deutschlands. Um ganz oben zu stehen, müssen die Sportler und Sportlerinnen bestimmte Winner-Gene aktivieren – und Skills von Kraken und Geparden.

 

Ästhetische Bilder aus der Sand-Arena: Beachvolleyball, seit Atlanta 1996 olympisch, hat auch die olympischen Spiele in Tokio 2021 und die EM in Wien in Bann gezogen – wenn auch dieses Mal nur am Bildschirm. Für den Zuschauer verbunden mit Sonne, feinem Sand, Cocktails im Liegestuhl. Für die Spieler und Spielerinnen mit knallhartem Einsatz.

Und ebendieser hat sich auch für die deutsche Auswahl bereits bewährt. Einige Welt- und Europameisterschaften wurden gewonnen und auch auf den Treppchen der olympischen Spiele haben deutsche Athleten bereits Fußstapfen hinterlassen: Nach dem Gewinn der olympischen Bronzemedaille 2000 in Sydney durch Jörg Ahmann und Axel Hager holten sich zwei weitere deutsche Teams Gold: Julius Brink und Jonas Reckermann 2012 in London sowie Laura Ludwig und Kira Walkenhorst 2016 in Rio de Janeiro.

Aktuell konnte sich bei der EM in Wien das deutsche Duo Julia Sude und Karla Borger die Bronzemedaille sichern. In Tokio haben die Teams Julius Thole/Clemens Wickler und Laura Ludwig/Margareta Kozuch den Einzug ins Halbfinale verpasst. Knapp, in einer sehenswerten und hart umkämpften Vorstellung. In einer Arena aus Sand und oftmals extremer Hitze. Einer Umgebung, der den Sportlern und Sportlerinnen zu einem großen Teil ihres Lebens alles abgewinnt.

 

Geparden, Kraken und Delfine

Der Sandplatz. Hier lässt sich voll aufschlagen. Und das am besten im Sprung. Volle Energie in den Absprung, fast senkrecht nach oben. Varianten, wie volle Schlaghärte oder Flatterschlag mit unberechenbarer Flugbahn, können den Gegner bereits unter Druck setzen, bevor diese den Spielzug an sich reißen. Schnell nach vorne sprinten, um am Netz den Angriffsschlag der Gegner abzuwehren.

Der Partner – er antizipiert das Spiel wie der intelligente Krake, der Spielverhalten und Beobachtungen lernt und gewinnbringend umsetzt. Und hechtet nicht verräterisch im letzten Moment genau auf die Seite, die die Blockhand seines Partners am Netz nicht abwehrt. Schmettert der Gegner den Volleyball dann dorthin, wird im Hechtsprung dieser vor Landung auf dem Boden abgewehrt. Nur, um schnell wieder auf die Beine zu springen und den vom Partner zugespielten Ball ins gegnerische Feld zu platzieren.

Punktgewinn. Der nächste von vielen in einem kraftraubenden Spiel. Wer einmal versucht hat, durch den Sand zu rennen, hat einen Hauch von Ahnung, was das bedeutet. Das ist aber nur ein kleiner Teil des Gesamtpakets.

Gefragt ist: Volle Konzentration auf den Gegner, Antizipation des Spiels, Schnellkraft, Geparden-ähnliche Schnelligkeit und kraftvolle Delfin-Sprünge nach oben. Pure Athletik und – entgegen der sonst weit verbreiteten Meinung – genderfreies Multitasking. Durch die schnellen Ballwechsel lässt sich all dies im Fernsehen nicht erahnen. Dennoch soll die Faszination, die auf eindrucksvolle und ästhetische Weise den Zuschauer live auf dem Court sofort einnimmt, auch auf den Bildschirmen transportiert werden. Als könnten es die Bewegungen und Körper per se nicht allein, gibt es eine Kleiderordnung. Das Oberteil der Damen muss eng, kurz und ausgeschnitten sein, das Bikinihöschen an den Seiten nicht mehr als zehn Zentimeter tief. Tiefeneinstellung haben dann auch die Kameras.

Wenig Verband – viel Selbstorganisation

Man kennt es im Sport. Vermarktung ist fester Bestandteil und Säule im Leistungssport. Und die entscheidende Hürde für talentierte Sportler auf den Weg nach ganz oben. Die wenigsten schaffen es dorthin. Zu eisernem Willen, Selbstdisziplin und purem Können gehört nun mal Unterstützung von außen, finanziell und mental.

Dennoch: Unermüdliche Eigendisziplin und zügellose Leidenschaft für den Leistungssport lassen zumindest an der Luft der Top-Riege schnuppern, wie auch die 23-jährige Beachvolleyballerin Leonie Klinke aus Heidelberg weiß. Die Europameisterin U18 und mehrfache deutsche Beachvolleyballmeisterin U17 bis U20 hat bereits an der FIVB World Tour teilgenommen und kennt den harten Weg. Kaum hatte sie als 18-jährige Sportinternatsschülerin das Abitur in der Tasche, standen Stützpunktlehrgänge, Sichtungseinheiten und Vorbereitungsturniere auf dem Programm, um danach von einem Beachvolleyball-Turnier zum anderen zu hechten.

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Leonie Klinke, Beachvolleybalerin aus Heidelberg

„Es ist schon immer mein größter Traum, hochklassig Beachvolleyball zu spielen“, erklärt die Athletin Leonie, die über die nötigen Grundvoraussetzungen wie Ballfähigkeit, Athletik und Spielintelligenz verfügt. Und positiven Ehrgeizig. „Man braucht hohe Disziplin, ungebremste Leidenschaft zu seinem Sport und grenzenloses Engagement“. Im Klartext: Man muss sich gut selbst organisieren, Trainingseinheiten und Turniere rund um den Globus planen und finanzieren.

Wenig Verband, dafür viel Selbstorganisation und -verantwortung. Ein Pendant zur deutschen Spitzensport-Bürokratie der etablierten und ratifizierten Disziplinen. Dass es gelingen kann, hat nicht nur das Team Brink/Reckermann gezeigt. Vielseitige Unterstützung und finanzieller Rückhalt sind dennoch nötig, um alle Facetten des Leistungssports zu bespielen. Dazu gehört vor allem die Nutzung eines breitgefächerten Trainingsangebots, zu Kraft, Ausdauer, Perfektion und Spielpräzision – bestenfalls mit erfahrenen Trainern auf jedem Gebiet. Und vor allem mentalem Training.

Denn der Druck nach Perfektion verteilt sich lediglich auf zwei Spieler. Die tiefe Bedeutung kennt auch Leonie Klinke: „Ohne einen Fehler zu machen, muss man es dem Gegner möglichst schwer machen, einen direkten Punkt zu erzielen. Also die goldene Mitte zwischen Risikobereitschaft und Sicherheit finden.“ Es spielt sich viel ab zwischen dem Netz, eine nicht sichtbare Herausforderung zwischen den einzelnen Köpfen. Wie Funken zwischen den Gegnern. Man versucht, das Spiel schon vor dem Ballwechsel zu lesen und den Gegner am schwachen Punkt zu treffen. Mentale Stärke nimmt im Beachvolleyball eine enorm große Rolle ein. Erfahrung und selbstbewusstes Auftreten haben schon so einigen Spielern den Sieg vereitelt, obwohl sie vom Niveau her nicht besser, aber überzeugter von sich selbst waren. Wer mit Erfolg und Misserfolg umzugehen weiß und Probleme als Herausforderungen sieht, kann sein Potenzial meist auch unter Druck abrufen.

Einer, der sich auf diesem Gebiet bestens auskennt, ist der Sportpsychologe Lothar Linz, der auch bei den olympischen Spielen in Tokio wieder verschiedene Sportler und Sportlerinnen unterstützt hat. Auch für die Olympiasiege der Beachvolleyballer Julius Brink/Jonas Reckermann oder der Degenfechterin Britta Heidemann hat er seinen Beitrag geleistet.

Es ist also das Rundum-Paket, das im Beachvolleyball zählt. Bei den Siegen und Niederlagen aus den Courts ahnen wir all davon nichts. Wir genießen die athletisch reizvollen Szenen. Und schlurfen derweil an unserem leckeren Cocktail im Liegestuhl im Sand. Träumen darf man ja schließlich.

 

Informationen und Weblinks

zu den olympischen Spielen in Tokio, Beachvolleyball

zur Beachvolleyball-EM in Wien

Portfolio der Heidelberger Beachvolleyballerin Leonie Klinke

Blog Olympia Tokio – bedeutsame Spiele